Rassismus wegen einem Elfmeter – Hassnachrichten in den sozialen Medien

Im Zeitalter der sozialen Medien ist es einfach wie nie Hassnachrichten zu verbreiten. Auf Plattformen wie Instagram, Twitter oder Facebook sehen sich vor allem junge, in der Öffentlichkeit stehende Menschen oft zahllosen rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Doch wie wird mit solchen Hassnachrichten am besten umgegangen und was lässt sich dagegen tun?

Am 11. Juli 2021 stehen sich England und Italien im Finale der Fußball-Europameisterschaft gegenüber. Italien gewinnt mit 3:2 im Elfmeterschießen. Die jungen Engländer Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka verschießen allesamt. Als wäre das nicht schlimm genug, bekommen sie nach dem Spiel auf Social-Media hunderte Hasskommentare und rassistische Anfeindungen aufgrund ihrer Hautfarbe zu spüren. You’re shit”, Go back to Africa” oder Affen-Emojis gehören da noch zu den harmloseren Beleidigungen. Dabei werden die Spieler nach dem verpassten Triumph zunächst im Stadion von ihren Fans aufgebaut. Durch den einfachen Zugang und die Anonymität fällt es vielen Menschen im Internet viel leichter rassistische und beleidigende Kommentare abzugeben.

Die Journalistin Simone Rafael, die mit mehreren Projekten und Kampagnen gegen Hass im Netz kämpft, sagt: Wenn man sich früher etwa mit Inhalten von rechtsextremen Parteien auseinandersetzen wollte, musste man den Kontakt suchen, wenn die auf dem Marktplatz einen Stand machen – immer mit der Gefahr, dass das andere sehen und ich sofort die Konsequenzen tragen muss. Wenn ich mich viel in Foren und Kommentarspalten aufhalte, in denen alle rassistisch hetzen, und die menschenverachtendsten Beiträge die meisten Likes bekommen, fühle ich mich motiviert, auch selbst immer krassere Dinge zu schreiben – Dinge, die ich im Offline-Leben nie äußern würde.”

Nachdem selbst die Londoner Polizei Ermittlungen aufgenommen hat, schreibt Bukayo Saka wenige Tage nach dem verlorenen Finale auf Twitter: Ich wusste sofort, welche Art von Hass mir entgegenschlagen würde. Und es ist eine traurige Realität, dass eure mächtigen Plattformen nicht genug tun, um diese Nachrichten zu stoppen.” Schwere Anschuldigungen, die nicht ganz unbegründet sind. Instagram und Twitter nutzen künstliche Intelligenz und Algorithmen um Hassinhalte schon während der Veröffentlichung zu erkennen und einen automatisierten Hinweis zu senden wie: Bist du sicher, dass du das posten möchtest?” Wie oft solche Hinweise die Veröffentlichung eines rassistischen oder menschenverachtenden Kommentars verhindern, ist allerdings unklar. Twitter gibt zwar an, im Zusammenhang mit den rassistischen Beleidigungen 1000 Tweets entfernt und mehrere Accounts gesperrt” zu haben, trotzdem sind auch rund anderthalb Jahre nach dem Finale noch unzählige Hassnachrichten online zu lesen.

Eine häufige Reaktion von User:innen auf Hasskommentare in den sozialen Medien ist es, auf die Nachrichten zu antworten oder positive Kommentare zu verfassen, etwa als Teil eines Candystorms”, also dem kollektiven Schreiben von netten Kommentaren mit dem Zweck die negativen zu verdrängen. Doch auch wenn der Candystorm” eine schöne Geste sein kann, wird dadurch nur indirekt gegen die rassistischen Kommentare vorgegangen.

Zusätzlich haben User:innen die Möglichkeit, Kommentare, die sie für unangebracht halten, den Betreiber:innen zu melden. Eine Studie der Landesmedienanstalt NRW ergab, dass 78 Prozent der Befragten bereits Hate Speech im Internet begegnet ist. Dagegen gaben 38 Prozent an, sich näher mit einem Hasskommentar befasst zu haben und nur 28 Prozent, schon mal einen Hasskommentar gemeldet zu haben. Auf den ersten Blick sicherlich nicht unverständlich: Durch das Melden wird ein Kommentar zwar in der Regel nach wenigen Tagen gelöscht, aber was bringt schon das Entfernen eines Kommentars um den Online-Hass einzudämmen, wenn täglich tausende neue im Internet veröffentlicht werden? Dennoch kann das Melden von beleidigenden Kommentaren auch langfristig etwas bewirken: Durch vermehrte Meldungen werden die Betreiber:innen der Social-Media Plattformen möglicherweise auf die Tragweite des Problems aufmerksam gemacht und investieren dadurch mehr Personal und Ressourcen in die Bekämpfung von Hassnachrichten.

Der damals gerade mal 19-Jährige Saka lässt sich trotz hundertfachen rassistischen Beleidigungen nach seinem verschossenen Elfmeter nicht unterkriegen und verspricht, in Zukunft alles zu geben, um sicherzustellen, dass diese Generation weiß, wie es sich anfühlt zu gewinnen”. Aber er weiß auch, dass es Dinge gibt, die wichtiger sind, als Fußball: Ich möchte nicht, dass irgendein Kind oder Erwachsener die hasserfüllten und verletzenden Nachrichten erhält, die ich, Marcus und Jadon diese Woche erhalten haben. Die Liebe siegt immer.”

Eine starke Reaktion, die gleichzeitig klar macht: Nicht alle Betroffenen schaffen es, so souverän mit einer derartigen Welle an Hass umzugehen. Gegen das bestehende Problem von Rassismus und Hassnachrichten im Netz muss konsequenter vorgegangen werden.

Von Lauro Meisterjahn

Foto: Symbolbild, Pexels

Quellenverzeichnis:

Hass im Netz: Wie er sich äußert und was die Zivilgesellschaft dagegen tun kann!, Friedrich-EbertStiftung, https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=37049&token=eac25076b82e44d6b7de4572b 8d655cb79ec0c53 (letzter Abruf 27.01.2023)

Hass auf Social Media – Wie wird dagegen vorgegangen?, Media Bubble https://media-bubble.de/hass-auf-social-media-wie-wird-dagegen-vorgegangen/ (letzter Abruf 27.01.2023)

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